Samstag, 8. September 2012

Herz♥liya


Am Mittwochabend (05.09.) kamen wir also im Maon Levzeller in Herzliya an. Schnell stellten wir das Gepäck in unsere WG, die direkt neben der Einrichtung liegt. Im Personalraum bekamen wir gleich etwas zu essen. Natürlich begrüßten uns die Angestellten und die Behinderten. Manche wollte die Hand gereicht haben, andere sprachen uns auf hebräisch an, was wir leider nicht verstanden. Danach wurde es noch spannender. Wir hatten endlich Zeit, unser neues zu Hause anzuschauen. Rachel, die Freiwillige, die schon seit einiger Zeit hier ist, hatte uns zuvor erzählt, dass die Vorgänger ein riesen Chaos angerichtet hatten und die WG total heruntergekommen war. Extra für uns wurde sie vor einer Woche renoviert! Was für ein Glück! Alles ordentlich und relativ sauber. Nur leider gibt es ein Problem: Wir sind zur Zeit 4 Mädels und 1 Junge. In der WG gibt es 2 Doppelzimmer, eine kleine Kammer und ein Sofa zum Schlafen im Wohnzimmer. Rachel, die im Oktober abreisen wird, bleibt auf dem Sofa. Und jetzt die Frage – wie macht es der Rest? Die Kammer wollte mir niemand zumuten und schließlich mussten wir nicht lange diskutieren. Rahel und Hannah nehmen das Zimmer mit Blick zum Hof, Nathalie geht mit mir in den Raum gegenüber. Ja. Es wird auf Dauer sicher nicht leicht. Jeder erwischt irgendwann einen schlechten Tag. Ist mal krank, mal traurig, mal überarbeitet oder will einfach seine Ruhe. Aber noch verstehen wir uns gut :)

Ordnung muss sein: Links mein Bett, rechts Nathalies

Wie alle meiner Mitbewohnerinnen ist Nathalie total nett, intelligent und vernünftig. Die Atmosphäre in der WG stimmt also, im Gegensatz zu unseren Vorgängern, wie man uns erzählte. Diese haben sich nicht gut verstanden, ein Teil ist schon früher abgereist und der Zustand der Wohnung war dementsprechend. Ich möchte so etwas nicht! Ich werde alles Mögliche dazu tun, das wir uns gut verstehen! Und das die WG ordentlich bleibt!

Herzlich willkommen: unsere Begrüßung in Herzliya

Übrigens: Leider befindet sich momentan eine Baustelle auf dem Gelände der Einrichtung. Unsere Internet und Telefonverbindung funktioniert erst wieder in ein paar Tagen. Bis dahin müssen wir auf dem Hof ins Internet. Es kann also sein, dass ich nicht immer sofort antworte, auch wenn ich eine E-Mail/Nachricht schon gelesen habe. Auch bis ich die ganzen Bilder/Videos auf meinen Blog hochlade, dauert es noch!

Donnerstag bekamen wir eine kleine Rundführung von Moti, unserem Chef, durch die Einrichtung. Insgesamt gibt es vier verschiedene Häuser mit Behinderten. Eingeteilt wurde ich in das Haus der Rollstuhlfahrer, die natürlich viel Hilfe benötigen.
Gleich am Nachmittag sind wir durch die 84.000 Einwohner zählende Stadt Herzliya spaziert. Nicht weit von uns ist das Stadtzentrum mit kleinen Geschäften, Supermärkten, Restaurants, Bäckereien etc. Mit dem Bus in einer halben Stunde zu erreichen ist Herzliya Pituach, das Nobelviertel der Stadt. Hier wohnen Botschafter und Geschäftsleute. Es gibt teure Hotels, Bars, eine Marina und eine Strandpromenade. Abends bin ich übrigens alleine nach Jerusalem (ca. 2 Stunden Fahrt wegen umsteigen) gefahren, um noch mein restliches Zeug von meiner Tante abzuholen. Freitag früh war ich auf dem Markt Mahane Yehuda in Jerusalem, um etwas einzukaufen. Bei uns in Herzliya gibt es leider keine vergleichbaren Märkte, dafür eben große Supermärkte.
Das größte Problem in Israel ist immer wieder der Schabbat, der jüdische Ruhetag. Von Freitag am frühen Abend bis Samstagabends fahren keine öffentlichen Busse. Zur Fortbewegung muss man entweder ein teures Taxi nehmen, oder ein Sammeltaxi, dass etwas günstiger ist, aber dafür nicht überall fährt. Um diese Unannehmlichkeiten zu vermeiden fuhr ich schon mittags nach Herzliya zurück. Genau in dem Moment, als ich die WG betrat, sah ich einen netten Zettel auf dem Tisch und Rachel bestätigte, dass die anderen am Strand sind. Blitzschnell stellte ich alle Sachen ab, packte Handtuch und Badehose ein und nahm den nächsten Bus zum Strand. Für ca. 1,20€ kommt man in einer halben Stunde zum Strand. Mit dem Fahrrad würde es nicht viel länger dauern, weil der Bus ein paar Umwege nimmt. Da stellt sich gleich die Frage: Wann bekommen wir endlich Räder? Noch ist das nicht geklärt. Die alten Fahrräder sind kaputt und in nächster Zeit stehen hier viele Feiertage an. Bis etwas organisiert wird, kann also noch eine Weile vergehen. Nun ja, ich machte mich auf die Suche nach den Mädels, spazierte immer am Strand entlang, bis ich sie fand. Endlich in das erfrischende Meer springen, Sonnen und am Strand liegen. Wunderschön ist er, unser Strand. Will man feinsten Sand, so sucht man den Abschnitt in Richtung Yachthafen und Hotels auf. Wir aber haben uns am ruhigeren Strand entspannt, der in immer steiler werdenden Felsen endet. Meeresrauschen, die strahlende Sonne, ein leichter Wind – wie im Paradies. Doch nicht mit den Jungs hier! Ich muss es jetzt machen, seit 2 Wochen bin hier in Israel und habe mich so oft geärgert, dass ich jetzt darüber schreibe. Über die jungen Männer. Dieses Mal waren es zwar Araber, aber dieses Verhalten würde z.B. in Syrien kein Araber vorzeigen. Aufdringliches Ansprechen von Mädels. Fotos machen. Anfassen. Manchmal denke ich, ich bin im falschen Film. Aber ich fasse einfach mal kurz zusammen:

Obercool, arrogant, laut und nicht sehr taktvoll. So sind 80% der jungen israelischen Männer. Es gibt zwar Ausnahmen, aber die gibt es selten. Egal wie gut sie aussehen mögen, ihre Art ist billig und geht mir richtig auf die Nerven. Man wird im Geschäft nicht bedient bzw. im Schneckentempo. Im Allgemeinen spürt man Gleichgültigkeit in Gesprächen, die im Prinzip nur aus wenigen Wörtern bestehen und gestellt wirken, sobald (deutsche) Mädels in der Nähe sind. Und es ist vollkommen egal wie attraktiv diese Mädels sind, oder ob sie sich interessiert zeigen oder nicht. Es wird angesprochen und genervt und zwar auf eine dermaßen billige Art, dass ich mich echt frage, ob das hier der 50-jährige Hakan am türkischen Strand mit einer Europäerin ist, oder wir in Israel sind. Die israelischen Frauen wissen genau, wie man so etwas entweicht. Immer geradeaus blicken. Überall wo man in Israel durch die Straßen geht, sieht man alle Leute gerade nach vorne schauen. Die nächste Situation erzähle ich auch noch: Busfahrt in Herzliya. Ich sitze neben meiner Zimmerpartnerin und ein vielleicht Ende 30-jähriger Mann ist vor uns. Die Augen starrten und starrten die ganze Zeit auf Nathalie, die aus dem Fenster schaute. Ich war kurz davor etwas zu sagen. Vielleicht schaute er mal wenige Sekunden weg. Aber solche ewig langen, eindeutigen und aufdringlichen Blicke habe ich selten gesehen. Nathalie hat davon, so glaube ich, nichts mitbekommen und ich wollte das Thema auch nicht noch einmal ansprechen.
Ich bin immer sehr aufmerksam. Und beobachte sehr genau. Was ich in den letzten zwei Wochen mitbekommen habe, gefällt mir überhaupt nicht. Wenn ich etwas breiter gebaut wäre, hätte ich wohl schon die ein oder andere Schlägerei angefangen. Das war die meinige Sicht auf dieses Thema. Wahrscheinlich werde ich darauf noch einige Male zurückkommen. Und hoffentlich auch über positive Ausnahmen berichten können. So aber würde ich mich stark wundern, wenn ein Israeli zu einer Volontärin von uns nett ist, ohne Hintergedanken zu haben. Als ich davor gewarnt habe, wollte mir niemand glauben. Aber recht behalten habe ich natürlich.
Zitat aus einem anderen Blog:

„[...] und ich wurde das erste mal so richtig wegen meiner blonden Haare angegraben, der Mann hätte mein Vater sein können, aber der Vergleich mit einem 'Angel fallen from the sky' schien ihm dennoch angebracht."


Schluss. Aus. Ende. Der einzige Trost bleibt, dass das Sicherheitspersonal, also immerhin ein Wächter von unserer Einrichtung recht nett zu mir ist.


Was bleibt noch von unserer Woche zu erzählen? Nach dem Sonnenuntergang sind wir am Freitag schließlich mit dem Taxi vom Strand zu unserer WG gefahren, wo wir selbst kochten. Gut, kochen ist wohl etwas übertrieben. Wir bereiteten einfach das Abendessen zu. Pita mit Hoummus, Auberginensalat, Taramas und flüssigem Frischkäse, je nach Geschmack. Dazu Tomaten/Gurkensalat und Falafel. Am Samstag schliefen wir etwas aus und verbrachten die Zeit bis zum Nachmittag in der Wohnung. Gemeinsam mit Rachel machten wir uns dann zu Fuß auf den Weg zu Shopping Mall. Natürlich achtete niemand genau auf den Weg, mit dem Ergebnis, dass wir einen Umweg gingen. Mit meinem erstklassigen Orientierungssinn fanden wir aber schließlich das Einkaufszentrum. Ich möchte ja nichts sagen, aber ich bin bis jetzt 2 Tage in Herzliya und Rachel schon mehrere Monate ;) Die Shopping Mall an sich ist nichts Besonderes. Wie überall auf der Welt gibt es einen H&M, Schmuckgeschäfte, Kleidungsgeschäfte und Elektronikfachmärkte. Da stellt sich die interessante Frage: Wieso hatten gefühlt alle Bewohner Herzliyas die gleiche Idee wie wir, Samstagnachmittag in die Mall zu gehen? Wir blieben nicht lange und machten uns mit dem Bus auf den Rückweg. Leider ging es mir am Abend immer schlechter. Nathalie ist schon seit ein paar Tagen krank und es scheint, als hätte ich mich angesteckt. Und das genau jetzt, wo morgen die mein erster Arbeitstag ist. Also schnell ab ins Bett. Tee trinken und gute Nacht.