Total verschnuft und hustend wendete ich mich im
Bett. Es war Sonntagmorgen, der Beginn einer israelischen Woche.
Nein, nicht irgendeiner, sondern der Anfang meiner ersten
Arbeitswoche! Mir war so übel und ich hatte überhaupt keinen Hunger
in der Früh. So schlecht ging es mir in den letzten Jahren selten.
Auch beim Mittagessen blieb ich liegen. Um 14 Uhr nahm ich meine
letzte Kraft, zog mir einen Schal an (bei 33°C im Schatten) und ging
über den Hof in meine Abteilung. Ich konnte nicht anders. Unbedingt
wollte ich wissen wie die Arbeit ist, wie meine Kollegen sind und wie
sich die Behinderten verhalten. Nach wenigen Treppenstufen bin ich in
die erste Etage gelangt. Direkt vor mir lag nun der kleine Raum, wo
sich die Mitarbeiter meiner Abteilung treffen, um Kaffeepause zu
machen. Herzlichst wurde ich von allen Seiten begrüßt. Rivka, so
heißt meine Chefin, meinte, dass sie meine Mutter sei und falls ich
irgendwelche Probleme habe, solle ich ihr sofort Bescheid geben.
Natürlich sahen alle, dass es mir nicht gut ging und deshalb machte
mir meine äthiopische Arbeitskollegin Riki gleich einen Tee mit
Honig. Wir schrieben Namensaufkleber, damit ich die Namen der
Behinderten lernen kann. Jeden der ca. 25 Behinderten meiner
Abteilung begrüßte ich und sagte dabei immer den jeweiligen Namen.
So unterschiedlich die Art der Behinderung ist, so unterschiedlich
waren auch die Reaktionen. Einer konnte zwei Wörter Englisch
sprechen, manche können gar nicht sprechen, sondern geben nur Laute,
vergleichbar derer kleiner Babys von sich und der Rest spricht nur
hebräisch. Manchmal mehr verständlich für die Mitarbeiter,
manchmal einfach nur vor sich hin redend wie Kleinkinder. Um kurz vor
4 schob ich die Behinderten, die im Rollstuhl sitzen, über den Hof
in den Speisesaal. Dort bekommen sie um diese Zeit immer Tee. Als ich
den letzten wieder zurück in unser Haus gefahren habe, hörte ich
schönen Gesang und Musik aus dem großen Aufenthaltsraum. Eine
Mädchen, vielleicht ein paar Jahre älter als ich, spielte Lieder
für Rosch ha-Schana, denn das jüdische Neujahrsfest steht vor der
Tür. Obwohl ich mich immer noch miserabel fühlte, setzte ich mich
dazu. Ich konnte auch gar nicht anders. Sie lächelte mich an und
animierte, mit zu klatschen. Danach erzählte sie Geschichten, bei
denen die Behinderten z.B. Vogelbewegungen mit den Armen machten oder
das Summen einer Biene imitierten. Später malten wir dann noch
Bilder aus, natürlich mit Neujahrsmotiven wie Honig und Äpfel.
Allen hat es eine Menge Spaß gemacht. Und erstaunlicherweise ging es
mir danach besser. Mir war nicht mehr schlecht. Doch als wir draußen
in der Hitze vor dem Speisesaal warteten, begann mir kalt zu werden.
Bei über 30°C hatte ich eine Gänsehaut und fror. Wie viel Fieber
ich in diesem Moment hatte, möchte ich gar nicht wissen. Natürlich
hätte ich zu unseren russischen Krankenschwestern gehen können, die
Mittel gegen so ziemlich alles haben, aber das werde ich nur machen,
wenn ich etwas wirklich Schlimmes habe. So aber konnte ich sogar
etwas zu Abend essen. Gleich danach legte ich mich ins Bett. Mit
meinem ersten Arbeitstag konnte ich wirklich zufrieden sein.
Nun möchte ich vom Dienstag erzählen, weil ich am Montag vormittags nur geschlafen habe und mich auch während der Arbeit am Nachmittag etwas ausruhen konnte. Meine Chefin Rivka hat mir erzählt, dass wir an diesem Dienstag schon einen gemeinsamen Ausflug machen werden. So kam es, dass wir mit einem Teil unserer Gruppe und einem Teil einer anderen Gruppe gegen 17 Uhr Levzeller verließen. Vor der Tür stand ein Kleinbus bereit, der uns zur Strandpromenade nach Herzliya Pituach brachte. Kurz nachdem wir angekommen sind, kam ich schon ins Staunen. Wir fuhren mit dem Aufzug zur Strandpromenade! Der Aufzug hat ein Fenster, durch das man die ganze Küste sehen kann. Davon lässt sich natürlich jeder begeistern! Gemeinsam mit den Behinderten saßen wir dann in einem Strandcafé. Jeder bekam ein leckeres Eis und Getränke nach Wunsch. Nun machten ein Teil einen kleinen Spaziergang, bei dem wir gut aufpassen mussten, dass niemand wegläuft. Mit dem Sonnenuntergang holte uns der Kleinbus wieder ab und die Behinderten wurden gewaschen und ins Bett gebracht.
Am Mittwoch hatte ich zum ersten Mal Frühschicht. Mir wurde gezeigt, wie man beim Duschen hilft und wer genau welche Hilfe benötigt. Bis auf Rivka können meine Kollegen alle nur hebräisch sprechen. Aber das macht überhaupt nichts. Bis auf einen sind alle super nett und herzlich. Wer mal wieder obercool und einfach nicht besonders freundlich rüberkommt, ist der einzige israelisch Mann in meiner Abteilung, der ungefähr Anfang 30 ist. Er tut oft so, als ob ich Luft wäre. Bis jetzt musste ich nur einmal mit ihm zusammenarbeiten. Aber der Rest der Kollegen gehört sicher zu den nettesten Menschen, die ich überhaupt kenne. Sie geben sich Mühe, dass man sich wohlfühlt, bringen einem etwas zu trinken und Süßigkeiten, fragen ob alles in Ordnung ist, usw. Schon von weitem lächeln sie einen an, freuen sich und begrüßen einen. In der Frühschicht bin ich an diesem Tag gleich beim Essen helfen dabei gewesen. Vor jeder Mahlzeit bekommen die Behinderten Einwegschürzen umgebunden. Außerdem gibt es Getränke mit und ohne Zucker, die man je nach Person unterschiedlich verteilen muss. Manche werden gefüttert, andere können selbstständig Essen, wobei natürlich jede Menge daneben geht. Mal landet etwas auf dem Boden, mal geht was in die Haare, mal tropft trotz der Schürze etwas auf die Kleidung. Bis schließlich alle fertig gegessen haben vergeht einige Zeit. Wir putzen sie mit Erfrischungstüchern und entfernen die Plastikschürzen. Nun verlassen die Behinderten den riesigen Speisesaal und warten draußen auf dem Hof (natürlich unter Aufsicht). Währenddessen können die Angestellten im angrenzenden Personalraum essen. Oft sieht man die anderen der Wg beim Essen wieder, obwohl jeder zu einer anderen Zeit kommt. Zum Frühstück gibt es immer Weißbrot, Tomaten/Gurkensalat, flüssigen Frischkäse, Ei und Houmus. Abgewechselt wird praktisch überhaupt nicht. Nur das Eier manchmal in gekochter Form, manchmal als Spiegelei oder als Rührei zubereitet werden. Aber damit habe ich wirklich kein Problem. Als Einziger von unserer WG liebe ich das Weißbrot, das nach nichts schmeckt. Morgens, Mittags und Abends gibt es dieses Brot als Beilage. Nach dem heutigen Frühstück sind wir mit den Behinderten zum Plastikmesser sortieren gegangen. Immer 20 Messer werden von den Behinderten in eine Holzform gesteckt. Sind 5 dieser Formen fertig aufgefüllt, füllen wir Betreuer diese dann in Plastiktüten und wiegen nach, ob die Anzahl stimmt. Später werden die Plastikmesser in Supermärkten verkauft. Zum Mittagessen waren wir mit einer riesigen Menge fertig. Und gleich wurde ich auf eine sehr harte Probe gestellt: Mittags dürfen die Mitarbeiter unserer Gruppe nicht im Personalraum essen, sondern müssen es direkt neben den Behinderten tun. Neben einem wird dann das Essen ausgespuckt und durch die Haare geschmiert, und dabei soll man sein eigenes Essen genießen. Aber auch das hat mir keine Probleme bereitet. Für einen kleinen Mittagsschlaf bringt man die Behinderten anschließend ins Bett. Und schon ist die „Frühschicht“ geschafft, welche bei mir von 6:30 Uhr bis 13:30 Uhr geht. Das Gute daran ist, dass man den ganzen Nachmittag und Abend zur freien Verfügung hat. Genutzt haben wir das heute für einen Strandausflug.
| Unsere WG: Rachel fehlt auf dem Bild, sie bleibt aber nur noch 2 Wochen |
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| Mit Nathalie und Rahel am Strand |
Donnerstag habe ich (wie ab jetzt wohl immer) in der Früh gearbeitet. Für die Behinderten haben die Tage immer den selben Rhythmus zu den selben Uhrzeiten. Die Aktivitäten werden aber oft abwechslungsreich gestaltet. In unserer Einrichtung gibt es einen Musikraum, ein Kaffeeraum (der wie ein kleines Café ist, aber nur selten aufgesucht wird), einen Malraum, einen Webraum, das Sortierzimmer für die Plastikmesser, ein kleines Hallenbad und einen Stall mit Kaninchen, Hunden und Vögeln auf dem Hof. Heute waren wir aber in unserem Haus und die meisten schauten Fern. Zwischendurch versuchen einige im Aufenthaltsraum Rosch Ha-Schana Lieder zu singen und klatschten Laut. Nachmittags ging ich gemeinsam mit Nathalie in die Sokolov Straße, wo wir einen Geschenkkorb für die Familie kauften, die uns zu Rosch Ha-Schana einlud. Übrigens haben wir auch so einen ähnlichen Korb von unserem Chef Moti für die WG bekommen. Mit ganz viel Schokolade gefüllt!
Am Freitag hat sich Besuch aus Jerusalem und dem
Kibbuz Givat Brenner angekündigt. Morgens duschte ich alleine einige
Behinderte, half ihnen beim Anziehen und rasierte die Männer.
Endlich konnte ich den Mitarbeitern mal etwas Arbeit abnehmen! Die
Mitarbeiter haben hier übrigens alle keine Ausbildung (aber ich
finde Erfahrung ist wichtiger) und sie werden wohl noch ihr ganzes
Leben die Arbeit machen. Ich habe jede Menge Respekt für diese
Tätigkeit. Genau wie in Deutschland sind die sozialen Berufe in
Israel schlecht bezahlt. - Was sich hier ein Mitarbeiter pro Jahr
hart verdient, kann ein Nahrungsmittelspekulant oder ein Aktionär
eines Bekleidungskonzerns, dass Kinder arbeiten lässt, an guten
Tagen doppelt gewinnen. - Vormittags war ich heute mit einer
Kollegin und ein paar Behinderten im Park, der gerade über die
Straße bei uns liegt. Wieder ertönten einige Rosch Ha-Schana
Lieder, von denen ich bei manchen jetzt schon eine Passage mitsingen
kann. Aber natürlich nicht verstehe. Nach dem Mittagessen kam Rivka
(die Chefin) in unserem Haus zu mir, mit einer Hand voller
Schokowaffeln und in der anderen leckere kleine Schokotafeln. Ob ich
etwas brauche oder nicht zufrieden bin, fragte sie. Sie ist zwar
meine „Chefin“ aber fühlt sich dadurch nicht besser oder eine
Stufe höher, sondern schaut einfach, dass es allen gut geht. Nachdem
ich die Schokolade genossen habe, meinte sie das ich nach Hause kann.
Zulange arbeiten musste ich wirklich noch nie! Nun kam auch schon der
Teil unserer Gäste aus Jerusalem. Wir nahmen einen Bus zum Strand,
wobei wir dieses Mal kurz vor der Marina aussteigen, um den
Jerusalemern unsere reiche Stadt zu zeigen.
Riesige Motoryachten und Segelboote liegen gut bewacht im Hafen. Vor dieser Kulisse befinden sich Restaurants, Bars und Geschäfte. Immer am Meer entlang gehend, suchten wir uns dann eine ruhige Stelle zum Baden. Doch das Vergnügen hatte gleich nach Sonnenuntergang in doppelter Hinsicht ein Ende: Busse fahren nicht mehr und in ein Taxi würden wir nicht hineinpassen. Also gingen wir über 1 ½ Stunden vom Strand zu unserer Einrichtung zurück. Mir ist es unerklärlich wie lang sich eine Stadt ziehen kann, die nur 74.000 Einwohner hat. Naja, wir hatten in Pituach wenigstens die Gelegenheiten die Villen zu betrachten, die teilweise wirklich beeindruckend sind. Zu Hause angekommen aßen und tranken wir etwas. Dabei erzählte jeder von seiner Arbeit, seiner Wohnung und der Umgebung. Alle sind eigentlich relativ zufrieden. Sowohl die in Jerusalem, als auch die im Kibbuz.
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| Strandpromenade von Herzliya |
Riesige Motoryachten und Segelboote liegen gut bewacht im Hafen. Vor dieser Kulisse befinden sich Restaurants, Bars und Geschäfte. Immer am Meer entlang gehend, suchten wir uns dann eine ruhige Stelle zum Baden. Doch das Vergnügen hatte gleich nach Sonnenuntergang in doppelter Hinsicht ein Ende: Busse fahren nicht mehr und in ein Taxi würden wir nicht hineinpassen. Also gingen wir über 1 ½ Stunden vom Strand zu unserer Einrichtung zurück. Mir ist es unerklärlich wie lang sich eine Stadt ziehen kann, die nur 74.000 Einwohner hat. Naja, wir hatten in Pituach wenigstens die Gelegenheiten die Villen zu betrachten, die teilweise wirklich beeindruckend sind. Zu Hause angekommen aßen und tranken wir etwas. Dabei erzählte jeder von seiner Arbeit, seiner Wohnung und der Umgebung. Alle sind eigentlich relativ zufrieden. Sowohl die in Jerusalem, als auch die im Kibbuz.
Selbst am Samstag, also dem israelischen Ruhetag,
waren alle Mitarbeiter inklusive Chefin da. Nach dem Frühstück ging
ich mit Sergej, meinem supernetten russischen Kollegen und den
fitteren Behinderten zum Pool. Manche können richtig gut schwimmen
und tauchen, andere planschen eher im niedrigen Teil. Als wir wieder
in unserem Haus waren, erzählte Rivka Einiges von den
Lebensgeschichten der Behinderten und darüber, was schon alles
passiert ist. Später sagte sie dann noch wie gut sie es findet, dass
ich für ein Jahr bei ihnen helfe und das gerade die Äthiopierin und
der Russe wissen, wie schwer es ohne Sprachkenntnisse ist. Aber Rivka
konnte nicht aufhören, Nettes zu mir zu sagen und meinte
schließlich: „You are so lovely! Everyone of our workers says that
you are lovely!“. Und ich habe mich so darüber gefreut, in welcher
Art sie das gesagt hat. Ich bin überglücklich hier gelandet zu
sein, und das denke ich mir jeden Tag wieder. Nichts zum Meckern.
Wann hatte ich das das letzte Mal bei uns, dass einfach alles super
läuft. Der übriggebliebene Schnupfen und Husten ist da lächerlich,
so etwas ist kein Problem. Am Ende meiner Schicht wünschten wir uns
gegenseitig ein gutes neues Jahr, weil Rivka morgen nicht arbeiten
wird.
Den WG-Nachmittag nutzten wir für den Hausputz,
da die Putzfrau aus irgendeinem Grund gestern nicht kam. Außerdem
machten wir die Wäsche, die wir immer zu den großen Waschmaschinen
bringen und genau auf die Zeit schauen müssen, damit sie nicht
eingeht. Trockner haben wir auch – genauso wie eine Wäscheleine. Während die anderen am Abend plötzlich aus
heiterem Himmel die Idee bekamen auf eine Party für Schwule in Tel
Aviv zu gehen, verbrachte ich die Zeit lieber mit Ausruhen.
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| Roy (Bekannter Nathalies), Nathalie, Rachel, Hanna und Rahel vor der Fahrt nach Tel Aviv |


